noch ungewohnte Blicke
auf die Trauer
Trauer wirklich verstehen
Trauer wirklich verstehen

Trauer ist eine intensive Übergangssituation aus einer Lebensphase in eine neue. Nach der Vernichtung der alten, steht der Weg in eine neue an. Trauer ist eine Krise, eine der intensiv-sten Lebenskrisen unseres Menschseins. Diese Krise geht brutal vor. Sie bittet nicht um Er-laubnis, sie kommt und reißt Vertrautes mit sich fort. Der Tote ist einen physischen Tod ge-storben. Der Trauernde erlebt ebenfalls den Tod, er geht selbst durch einen Sterbeprozess. Und erlebt ihn als Geburtsvorgang in ein neues Leben. Er erlebt eine Metamorphose im Außen und im Innen. Die Raupe entwickelt sich zum Schmetterling. Nichts ist mehr so, wie es vorher war. Alles ist anders. Am Tiefpunkt der Trauer geschieht das Wunder. Die Lösung kommt spontan, wenn der Trauernde bereit ist zuzustimmen. Aus der finsteren Nacht der Seele geht dann ein neues Leben hervor. Wird die Trauer jedoch abgespalten und verdrängt, verselbständigt sie sich und kettet den Trauernden an Vergangenheit und Trauer. Alleine eine Transformation statt einer Abspaltung lässt den Wandlungsprozess der Trauer zu einem guten Ende kommen. Eine einseitige Identifikation etwa mit einer glorifizierten Vergangenheit verdrängt den Entwicklungstrieb ins Unbewusste und kommt in der unheilvollen Gestalt nicht endend wollender Trauer und Leid zum Ausbruch. In den Worten von Erikson sind »Krisen notwendige Prozesse, die Evolution und Veränderung antreiben. Krisen sind Situationen, die uns erlauben, uns zu ändern, zu wachsen und mehr über uns zu lernen.«

Tatsächlich gleichen sich Sterbe- und Geburtsphasen. Insbesondere Stanislav Grof hat in seiner jahrzehntelangen Arbeit mit Krebspatienten festgestellt, dass die Todeserfahrung

               vergleichbar der Geburtserfahrung ist. Die Phasen des realen Geburtsvorgangs

               wiederholen sich im Sterben und in der Trauer in aller Deutlichkeit. (Vergleichen                Sie dazu selbst einmal bspw. die von Grof postulierten Geburtsphasen mit den 

               später von Elisabeth Kübler-Ross postulierten Sterbephasen). Diese begleiten

               Übergangssituation in unserem Leben. Weil sie selbst Krisen sind, und die Pha-

               sen einer Krise an ihnen deutlich zu erkennen sind. Ihre Kenntnis schafft ein Ver-

ständnis für unsere psychische und physische Reaktion in Krisen, Sterben und Trauer. Und, sie bietet Trauernden endlich ein tiefes Verstehen ihrer Trauer an. Sowie natürliche Weg-weiser zur Standortbestimmung wie auch zum jeweils nächsten Schritt. Diese lebensge-schichtliche Bedeutung der Geburt hatten Anfang des 20. Jahrhunderts die Psychoanalyti-ker Otto Rank und Gustav Hans Graber erkannt. Nicht zuletzt wegen der empirischen Be-lege aus der Stressforschung und Psychotraumatologie ist die Erlebnisbedeutung der Geburt heute allgemein anerkannt.

Diese perinatalen Matrizen vereinen in sich die drei heute dominaten Entstehungsmodelle der Trauer. Die Bindungstheorie, die kognitive Stresstheorie sowie den sozial-konstruktivis-tischen Erklärungsansatz:

Der britische Kinderpsychiater und Psychoanalytiker John Bowlby weist auf unser Bindungs-verhalten als ererbtes Überlebensprogramm hin. Menschen seien darauf programmiert, das Verschwinden einer wichtigen Bezugsperson nicht so schnell hinzunehmen. Woraus auch viele irrational erscheinende Reaktionen von Trauernden, wie etwa den Tod nicht wahrhaben zu wollen, nach dem Verstorbenen zu suchen, zu rufen oder auf seine Rückkehr zu warten. Mikulincer & Shaver haben 2008 darauf hingewiesen, dass früh erlernte Bindungsmuster auch beim Verlust einer wichtigen Bindung durch den Tod der Bezugsperson eine wichtige Rolle spielen. Menschen mit unsicheren Bindungserwartungen (grundsätzlichen Ängsten des Verlassenwerdens), scheinen es sehr viel schwerer zu haben, einen Verlust zu verarbeiten.

 

Aus Sicht der kognitiven Stresstheorie ist der Verlust einer wichtigen Bezugsperson ein kri-tisches Lebensereignis, das Stressreaktionen auslöst. Diese Notfallreaktion dient zur Aktivie-rung des Organismus, um sich lebend aus der Situation retten zu können. Typische Stress-reaktionen wie erhöhter Puls, erhöhte Muskelspannung und beschleunigte Atmung dienen dem Wegrennen, Kämpfen oder sich totstellen. Das Maß der Bedrohung wird durch eine

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

kognitive Bewertung auch der akuten eigenen Bewältigungsmöglichkeiten berechnet und bestimmt daraus den entsprechenden Stresspegel. Die Reaktion der Trauernden hängt im Wesentlichen also davon ab, wie hoch sie die Bedrohung einschätzen und ihre Ressourcen zur Bewältigung. Das duale Prozessmodell der Trauerbewältigung nach Stroebe & Schut unterscheidet zwei Arten von Stressoren. Stressoren, die unmittelbar mit dem Verlust zusam-menhängen und Stressoren, die mit der Wiederherstellung des eigenen Lebens in Verbindung stehen.

Aus sozial-konstruktivistischer Sicht hat sich der Mensch sein Wissen über die Welt im ak- tiven Austausch mit seinem jeweiligen Umfeld konstruiert. Extreme Veränderungen können dieses selbst geschaffene Sinn- und Bedeutungssystem tief erschüttern. Aus konstruktivis- tischer Sicht liegt die zentrale Aufgabe der Trauerarbeit darin, ein neues Sinn- und Bedeu-tungssystem aufzubauen, in das die Verlusterfahrung so integriert werden kann, dass das Leben wieder als verständlich und bewältigbar erlebt wird.

Grof definiert die einzelnen Phasen der perinatalen Matrizen (stark zusammengefasst) wie folgt:

Die Erfahrung der kosmischen Einheit

Eine Erfahrung mit der Ur-Einheit mit der Mutter, in der Kind und Mutter eine symbiotische Einheit bilden. Gibt es keine störenden Einflüsse sind die Bedingungen des Embryos nahezu ideal – Schutz, Sicherheit und fortlaufende Befriedigung aller Bedürfnisse.

Die Erfahrung des kosmischen Verschlungenwerdens

Dieses Erfahrungsmuster stellt einen Bezug zum Einsetzen des biologischen Geburtsvorgangs her, das ursprüngliche Gleichgewicht wird durch chemische Signale und später durch erste Muskelkontraktionen gestört. Sie wird gewöhnlich eingeleitet durch ein überwältigendes Gefühl zunehmender Angst und dem Bewusstsein einer unmittelbar bevorstehenden Lebens-bedrohung.

Die Erfahrung des Eingeschlossenseins

Diese Erfahrung steht in Beziehung zur ersten klinischen Phase der Geburt, wenn die Kon-traktionen der Gebärmutter den Fötus bedrängen und ihn völlig einschnüren. Der Gebär-muttermund ist noch geschlossen und der Weg nach außen ist noch versperrt. Man fühlt sich gefangen, in einer bedrückenden Welt eingesperrt, die klaustrophobische Ängste ver-ursacht und man empfindet unglaubliche psychische und physische Qualen. Die Existenz in dieser Welt erscheint vollkommen sinnlos, das Individuum ist für alle positiven Aspekte des Lebens blind. Das wichtigste Merkmal, das dieses Muster von dem darauffolgenden unter-scheidet, ist die ausschließliche Betonung der Rolle des Opfers und die Tatsache, dass die Situation als unentrinnbar und ewig empfunden wird, es scheint in Raum und Zeit keinerlei Ausweg zu geben.

Die Erfahrung des Ringens mit Tod und Wiedergeburt

Aspekte dieses Musters lassen sich verstehen, wenn sie zur zweiten klinischen Phase der Geburt in Beziehung gesetzt werden. Die Kontraktionen des Uterus gehen weiter, der Ge-

               bärmuttermund ist weit offen, es ist die Zeit des ruckweisen Vorangetrieben-

               werdens durch den Geburtskanal mit überwältigendem mechanischen Druck,

               des Kampfes ums Überleben und oft auch hochgradiger Atemnot. Das Indivi-

               duum erlebt die Ansammlung enormer Spannungen im Wechsel mit explosiven

               Entladungen. Eine ungeheure Menge aggressiver Energie wird in intensiven Erlebnissen der Zerstörung und Selbstzerstörung entladen und verbraucht. Die Situation erscheint hier nicht hoffnungslos und der Erfahrende erlebt sich nicht hilflos. Er ist aktiv beteiligt und hat das Gefühl, dass sein Leiden eine bestimmte Richtung und ein festes Ziel hat. Während für die Situation der Ausweglosigkeit ungemildertes Leiden und Opfersein charakteristisch war, stellt diese Erfahrung des Ringens mit Tod und Wiedergeburt die Grenzlinie dar zwischen Qual und Ekstase bzw. die Vermischung von beidem.

Die Erfahrung von Tod und Wiedergeburt

Dieses Erfahrungsmuster steht in Beziehung zur dritten klinischen Phase der Geburt. Der qualvolle Prozess erreicht seinen Höhepunkt, die Vorwärtsbewegung durch den Geburtskanal kommt zum Abschluss und ihr folgt explosive Erleichterung und Entspannung. Nach der Durchtrennung der Nabelschnur ist die physische Loslösung von der Mutter vollendet und das Kind beginnt seine neue Existenz als unabhängiges Individuum. Leiden und Qual kul-minieren in einer Erfahrung der totalen Vernichtung auf allen Ebenen, der physischen, der emotionalen, der intellektuellen, der moralischen und der transzendenten. Dies wird ge-wöhnlich als »Ich-tod« bezeichnet, er scheint die augenblickliche Auslöschung aller bishe-rigen Bezugspunkte des Individuums einzuschließen. Der Erfahrung der totalen Vernichtung folgt das Gefühl einer Befreiung von äußerem Druck, Ausweitung und Ausdehnung.

Es fällt nicht schwer, den Trauerprozess mit diesen perinatalen Matrizen zu verbinden. Viel-mehr verdeutlichen sie Trauer als komplexen Bewältigungsprozess. Von Trauernden erlebte Zustände finden und erklären sich hier. Gleich ob es sich um mentale Aspekte handelt wie Verwirrung, Konzentrationslosigkeit, dass alles unwirklich erscheint, Ohnmacht, Sinnlosigkeit, etc. Oder um emotionale Aspekte wie Qual, Leid, Verlassensein, Reizbarkeit, Selbstvorwürfe, Beklemmung, etc. Oder um körperliche Aspekte wie Erschöpfung, Ruhelosigkeit, Kurzatmig-keit, Übelkeit, Schlafstörungen, etc. oder um Verhaltensaspekte. Auch die Modelle der Trauerphasen und Aufgaben der Trauerarbeit docken deutlich erkennbar an ihnen an. Mit diesen Ansatz wird eine Synthese mit einer bisher vermisste Transparenz, Deutlichkeit und Griffigkeit geschaffen. Das Bedürfnis von Trauernden nach einer Orientierung, nach Infor-mationen, die beitragen, die eigenen Erfahrungen verstehen und einordnen zu können, wird damit erschöpfend erfüllt. Auch entlastet sie die Erkenntnis, dass das Spektrum an möglichen Erfahrungen und eigenen Reaktionen sehr breit ist und auch extreme und ihnen sonst ungewohnte Emotionen, Körperempfindungen, Gedanken und Verhaltensweisen einschließt. So kann die Trauer angenommen werden und entfaltet ihre heilsame Kraft, den Verlust akzeptieren zu können und innerhalb der neuen Rahmenbedingungen eine sinnvolle und befriedigende Perspektive für die Zukunft finden zu können.

Eine ausführliche Innenschau mit entsprechenden Unterlagen biete ich als Wochenend-seminar an. Sie entdecken ein wesentlich tieferes Verständnis der Trauer und klare Weg- weiser für Ihren Umgang mit Trauernden. Die Durchführung ist auch intern in Organisa-tionen möglich, auch unter der Woche.

 

Noch verfügbare Termine in 2020:

24. bis 26. April 2020, bei Frankfurt/M. ausgebucht

18. bis 20. September 2020, bei Frankfurt/M.

8. bis 10. Oktober 2021, bei Frankfurt/M.

Kursbeschreibung und Anmeldung zum Download:

Der Verstand lehrt im Denken.Das Herz lehrt

in der Stille. Stille ist

dein Lehrer. Alles wird dir offenbar in dieser Stille.

OM C. Parkin

Der Vogel kämpft sich

aus dem Ei. Das Ei ist

die Welt. Wer geboren werden will, muss eine Welt zerstören.

Hermann Hesse

 
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2020                    2021

Wirklich zuhören

Zuhören ist weniger eine Frage von Me-thode und Technik. Wahre Kommunika-tion bewegt und verbindet Menschen. Dieser Kurs ist eine Entdeckungsreise zum wirklichen Zuhören und dadurch zum wirklichen Kontakt mit Ihrem Ge- genüber.

Buddhas Tränen

Um als Trauernder von Buddhas Ver-mächtnis zu profitieren, muss er weder Buddhist sein, noch werden. Dieser Kurs macht Trauerbegleiter mit den Prämissen der Achtsamkeitsmeditation vertraut und befähigt sie zu ihrer Anleitung mit Trau-ernden oder in Trauergruppen.

Der Systemische Blick

Kaum ein Ansatz hat sich in der sozialen, familiären und professionellen Arbeit über Jahrzehnte eindrucksvoll bewährt und fest verankert, wie der systemische. Dieser Kurs macht Trauerbegleiter mit dem systemischen Blick und mit den grundsätzlichen Lösungswegen vertraut.

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