noch ungewohnte Blicke
auf die Trauer
Buddhas Tränen

Um als Trauernder von Buddhas Vermächtnis zu profitieren, muss man weder Buddhist sein, noch werden, überhaupt wird dazu keinerlei religiöser Überbau benötigt. Vor 2.600 Jahren verschob Buddha die Grenzen des menschlichen Geistes. Die von ihm dazu entwickelten neuronalen Techniken werden heute Meditation und Achtsamkeit genannt. Ihre erstaunlichen positiven psychischen und physischen Auswirkungen bestätigt die westliche Medizin schon lange. Wohl am bekanntesten sind die Laboruntersuchungen von Herbert Benson seit Anfang der 1970er Jahre an der Harvard Medical School, die Gehirnuntersuchungen an buddhis-tischen Mönchen des Neurowissenschaftlers Richard Davidson von der Universität Wisconsin gemeinsam mit dem Dalai Lama und die vom Molekularbiologen Jon Kabat-Zinn Ende der 1970er Jahre entwickelte 'Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (MBSR)'. In klinischen Studien konnten ihre positiven Auswirkungen bei chronischen Schmerzzuständen, Ängsten und Panik-attacken, Depressionen, Schlafstörungen, Kopfschmerzen und Migräne sowie dem Burnout-Syndrom nachgewiesen werden.

Im Buddhismus geht man davon aus, dass der menschliche Geist, unser Gehirn, falsch ein-gestellt ist, vergleichbar einem Uhrwerk, das zu schnell oder zu langsam läuft. Und dadurch Leiden oder Gestresstsein hervorbringt, auch weil wir uns an bestimmte Erfahrungen klam-

                mern und gleichzeitig andere verdrängen oder verleugnen. Gerade bei Trauer

                wird dieser Mechanismus offensichtlich. Trauernde sind in einer Denk- und Ge-

                fühlsroutine gefangen. Je stärker die emotionale Reaktion auf Erfahrungen in

                unserem Leben sind, je stärker die emotionale Auswirkung ist, desto mehr Auf-

                merksamkeit legen wir auf den Auslöser. Unser Gedächtnis besteht aus Momen-

                ten intensiver Emotionen oder Erlebnissen. Gerade Trauernde sind in einem permanenten Kreislauf der Verlusterfahrung gefangen und haben das Gefühl, dass sie diese Grenze und ihre automatischen Reaktionen nie überwinden können. Solange ein Mensch in der Schleife intensiver Erlebnisse und Emotionen gefangen ist, bilden diese Emotionen per-manent Stresshormone, die dem nackten Überleben dienen, die die Aufmerksamkeit immer wieder zu dem Verlusterleben ziehen, um unbewusst unbedingt gut darauf vorbereitet zu sein, wenn diese Situation wieder passiert. Trauernde beginnen so, ihre emotionale Angst als ganz selbstverständlich anzusehen und konditionieren damit ihren Körper in einen dauerhaften Angstzustand. Das Problem dabei ist, dass die Wiederholung der Emotionen und des Erleb-nisses dem Körper und dem Gehirn ein Wohlbefinden vermitteln, wie ein Kick. Deshalb werden sie so etwas wie süchtig nach diesen Emotionen. Und beginnen sie zu verteidigen, auch um überhaupt noch etwas fühlen zu können.

Das ist der Punkt, an dem auch Meditation ins Spiel kommt. Menschen können lernen, ihre Gehirnwellen zu beruhigen und zu verlangsamen. Frei von jeglichem religiösen Überbau und frei von irgendwelchen strengen Sitzhaltungen oder grundsätzlichen Settings ist Medita-tion ein effizientes Tool, sich von seinem Umfeld zu entkoppeln. Wer sich immer wieder in den Moment zurückholt, sobald er merkt, dass er in die Vergangenheit und in die gewohnte Routine abdriftet, macht seinen Willen größer als das alte Programm und befreit sich von den Ketten der Emotionsroutinen. Eine solche mentale Praxis führt tatsächlich zu grundlegen- den Umstrukturierungen im Gehirn, die u.a. Stressabbau und Wohlergehen fördern. Diese Zusammenhänge sind durch die westliche Medizin und Gehirnforschung längst belegt. Anders als mit dem Schlucken einer Pille kann Meditation oder das in unserem Kontext heute verwendete Wort Achtsamkeit, keine Sofortwirkung auslösen. Achtsamkeit ist weniger eine Körperhaltung, sie ist vor allem eine Denkhaltung, eine Einstellung, die alle Kräfte auf eine tiefere Erkenntnis des Lebens und dem Erreichen eines seelischen Gleichgewichts und Wohl-gefühls einstellt. Eine Wahl, eine Entscheidung zu einem bestimmten Programm, vergleichbar wie bei der Entscheidung zu einem bestimmten Fernsehprogramm. Im Dhammapada wird dies so ausgedrückt: »So wie der Bauer Kanäle zur Bewässerung durch sein Land zieht, so wie der Bogenschütze Pfeile anspitzt und so wie der Zimmermann sein Holz in Form bringt, so lenkt der Weise seinen Geist.« Das Wort Meditation meint, wieder mit sich selbst vertraut zu werden.

Hinreichend nachgewiesen ist die Wirksamkeit der Achtsamkeit zwischenzeitlich bei Ängsten, Stress und chronischen Schmerzen. Damit auch genau in den Bereichen, die Trauernde be-

                 treffen. Mit Hilfe von Kernspinuntersuchungen lassen sich bereits nach acht

                 Wochen regelmäßiger Achtsamkeitsmeditation sichtbare Veränderungen im

                 Gehirn von Anfängern nachweisen – mit entsprechenden Auswirkungen auf

                 deren Empfinden. In Studien wurden belegt, dass ihre Wirksamkeit größer ist

                 als die von Placebos. Auch durch Blutproben wurde festgestellt, dass die Akti-

                 vität von Genen, die mit Entzündungsvorgängen und mit Stress zu tun haben,

                 langfristig unterdrückt werden. Dagegen wurden diejenigen Gene aktiviert, die

für einen effizienten, energiereichen Stoffwechsel und DNA-Reparaturen sorgen. Diese Ände-rung der Genaktivitäten durch Meditation werden teilweise bereits nach fünfzehn Minuten Meditation ausgelöst. Herbert Benson von der Harvard Medical School ist überzeugt, dass die Entspannungsreaktion biologische Aktivitäten reduziert, die bei vielen Krankheiten oder Beeinträchtigungen eine Rolle spielen, die hauptsächlich durch Dauerstress ausgelöst werden.

 

 

 

 

Ein Schmerzvorgang und eine Schmerzerfahrung sind weit komplexere Abläufe als allein der von Schmerzsensoren im ganzen Körper ausgelöste Alarm im Gehirn. Die Art und Weise, wie wir gedanklich mit physischen Schmerzeindrücken umgehen und sie zu Schmerzgefühlen verarbeiten, sind untrennbar damit verbunden. Nach Buddha ist es so, wie wenn jemand von einem Pfeil getroffen wird und nach dem ersten körperlichen Einstich nochmals von einem zweiten, dem inneren Pfeil getroffen wird. Er leidet also zwei Arten von Schmerzen, den körperlichen und den mentalen Schmerz. Dieser Prozess ist direkt auf Trauer übertragbar. Zum Pfeil, von dem der Trauernde getroffen wurde, dem Tod eines geliebten Menschen, kommt die emotionale und mentale Auseinandersetzung. Eine der wichtigsten Botschaften der Achtsamkeitsbasierten Stressreduktion von Jon Kabat-Zinn ist die Erkenntnis, dass man auch bei akuten Schmerzen weniger leidet, wenn die Aufmerksamkeit voll auf den Schmerz selbst gerichtet wird, dabei jedoch die persönliche Leidensgeschichte, die üblicherweise damit verbunden ist, außer Acht lässt. Wer anfängt, sich auf die Trauer einzulassen, indem sie angenommen wird, indem man ihr zustimmt, entdeckt man, dass das eigentliche Leiden in den eigenen Gedanken dazu liegt, dass jetzt auch das eigene Leben zerstört sei oder wie man jemals ohne den Verstorbenen leben und zurecht kommen könne, etc. In Wirklich-keit ist das keine Trauer, sondern Gedanken, die der Trauernde dazu erzeugt. Auch Kabat-Zinn stimmt zu, dass dieser Perspektivenwechsel für jemand, der von Trauer gequält wird, eine echte Herausforderung darstellt, doch der Schlüssel zur Verminderung des Leidens liegt in der Hinwendung, und nicht im Versuch davor wegzurennen.

Diese Haltung bietet die Möglichkeit, durch eine größere Achtsamkeit und bessere Wahr-nehmung dessen, was in der Gegenwart von Moment zu Moment geschieht, Lebensweisheit zu gewinnen. Zu erleben und zu lernen, mit Stress konstruktiv umzugehen. Trauer wirklich zu

               leben und dadurch durch sie hindurchzugelangen, führt zu einer neuen Lebens-

               qualität. Die Qual ist nicht die Trauer, sondern die Zeit bis zum Augenblick des

               Zustimmens und der Bereitschaft, zu sterben, um im neuen Leben ankommen zu

               können. Sich vom Leid lösen zu wollen, führt in die Irre. Je verzweifelter man

               sich darum bemüht, desto tiefer verstrickt man sich im Leiden. Daraus gibt es

               tatsächlich nur einen Weg, die Akzeptanz. Dieses Loslassen ist keine Flucht,

sondern ein Heim-kommen. Wer das Leben und den Tod annimmt, so wie sie sich zeigen, wird befreit. Dann sind wir durch das Tor des großen Friedens gegangen. Gelingt es uns, uns nicht in Körper und Geist aufzuspalten, werden wir eins mit allem, was wir tun und was gerade ist. Wenn wir davon Abstand nehmen, achtsam sein zu wollen, werden wir wacher sein, als wir es jemals waren. Zur Ruhe und Frieden unseres Geistes werden wir dann ge-langen, wenn wir nicht mehr versuchen, unseren Geist zu manipulieren, sondern ihn einfach lassen. Indem wir uns ganz der Achtsamkeit überlassen, müssen wir nicht mehr auf ein Ziel zugehen, sondern das Ziel verwirklicht sich in uns. Loslassen, Akzeptieren und Zustimmen geschehen nur absichtslos. Jeder Vorsatz zerstört die Selbstverständlichkeit. Das Loslassen, so paradox es ist, kann nicht gemacht werden. Diese Praxis ist keine Kraftanstrengung. Nicht ich ziehe an den Fäden des Lebens, sondern das Leben führt mich.

Dieser Kurs macht Trauerbegleiter mit den Prämissen der Achtsamkeitsmeditation vertraut und befähigt sie zu ihrer Anleitung und Durchführung mit Trauernden oder in Trauergruppen. Vor-kenntnisse in Meditation oder Buddhismus sind weder für Trauernde noch für Trauerbegleiter nötig. Gleichwohl ist Meditation eng mit der Gedankenwelt des Buddhismus verbunden. Da im Buddhismus die Befreiung von Leid eine zentrale Rolle einnimmt, sind seine Aussagen (wie kein Anhaften, Gleichmut, L  eben im Hier und Jetzt) für die Bewältigung von Trauer geradezu prädestiniert, stehen jedoch teilweise auch in starkem Gegensatz zu den uns vertrauten Denk-haltungen, die teilweise fast einen Opferkult zelebrieren. Dieser Kurs und die Praxis mit Trau-ernden dient der Weitergabe des damit verbundenen Nutzens ohne jeglichen religiösen Über-bau oder Hinwendung zu einer bestimmten Lehre. 

Der Kurs dauert zwei Tage und wird von mir an Wochenenden angeboten. Die Durchführung ist auch intern in Organisationen möglich, auch unter der Woche.

Noch verfügbare Termine in 2020:

26. bis 28. Juni 2020, bei Frankfurt/M. ausgebucht

Nächster Termin in 2021.

Kursbeschreibung und Anmeldung zum Download:

Du willst nicht akzeptie-ren, was du akzeptieren musst.Und du versuchst

zu ändern, was sich nicht ändern lässt. So quälst

du dich selbst.

Kodo Sawaki

Am Grunde der Moldau

da wandern die Steine.

Es liegen drei Kaiser be-graben in Prag. Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine. Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.

Berthold Brecht

Gut oder schlecht,

glücklich oder traurig,

alles verschwindet in

Leerheit, wie der Flug

eines Vogels am Himmel.

Buddha

tumbbuddha.jpg

Du sagst, das Leben ist ungerecht!

Bestimmst du, was gerecht ist?

Du fragst, warum muss das

ausgerechnet mich treffen?

Wen hätte es sonst treffen sollen?

Du sagst, alle anderen haben es

so viel besser als ich!

Was sagen die anderen dazu?

Du sagst, das habe ich nicht verdient!

Was hast du denn verdient?

Du sagst, das darf doch nicht wahr sein!

Das Leben ist wahr. Ob es dir

gefällt oder nicht.

Abt Muho

 

Wirklich zuhören

Zuhören ist weniger eine Frage von Me-thode und Technik. Wahre Kommunika-tion bewegt und verbindet Menschen. Dieser Kurs ist eine Entdeckungsreise zum wirklichen Zuhören und dadurch zum wirklichen Kontakt mit Ihrem Ge- genüber.

Trauer wirklich verstehen

Eine erweiterte Kartografie ermöglicht eine prägnante Definition der Trauer und ein tiefgreifendes Verständnis für psychische und physische Reaktionen in Krisen, Sterben und Trauer. Und so einen klaren Wegweiser im Trauerprozess und den Umgang mit Trauernden.

Der Systemische Blick

Kaum ein Ansatz hat sich in der sozialen, familiären und professionellen Arbeit über Jahrzehnte eindrucksvoll bewährt und fest verankert, wie der systemische. Dieser Kurs macht Trauerbegleiter mit dem systemischen Blick und mit den grundsätzlichen Lösungswegen vertraut.

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